Das Klemmbrett

 

Es gibt Gegenstände, die magische Eigenschaften entwickeln können. Wie zum Beispiel das Klemmbrett.

 

 

Wenn ich im Wald bin, habe ich oft ein Klemmbrett dabei, um Notizen über Pflanzen zu machen oder um ein Trittsiegel abzuzeichnen. In der Folge werde ich regelmäßig von Spaziergängern angesprochen. Meist geht es um den Weg, es werden aber auch andere Themen an mich heran getragen, zum Beispiel Hinweise über volle Müllkörbe oder unangeleinte Hunde. Bei den meisten Fragen (abgesehen vom Weg) kann ich nur die Schultern zucken und die Sache aufklären. Offenbar gelte ich in den Augen der anderen als Ansprechpartner für alles mögliche, da ich doch ein Klemmbrett dabei habe, auf dem ich ständig herum kritzele.

 

 

Da mir diese erhöhte Aufmerksamkeit irgendwann zu anstrengend wurde, stecke ich das Klemmbrett so oft wie möglich weg.

 

 

Und schon verschwindet das Interesse an mir und ich bin nur noch ein einfacher Spaziergänger. Also war das Klemmbrett tatsächlich die Ursache für die ständigen Fragen.

 

 

Klemmbretter können allerdings auch heftigere Reaktionen hervorrufen.

 

 

Ich war wieder mal für einen Pflanzenkurs unterwegs (mit Klemmbrett natürlich) und kam an einem Weiher vorbei, an dem ein Mann saß und angelte. Wie zu erwarten war, wurde ich angestarrt, kaum dass ich auftauchte. Allerdings beobachtete mich der Mann die ganze Zeit, die ich den Weg herauf auf ihn zu kam. Da mir die Sache langsam unheimlich wurde, schnappte ich mir mein Handy und tat so, als würde ich jemanden anrufen. Die Wirkung trat augenblicklich ein: Der Mann riss seine Angel aus dem Teich, schmiss seine Sachen in den offenen Kofferraum seines Wagens, sprang ins Auto und raste mit offener Kofferraumklappe davon, wobei er weiter unten fast noch einen Radfahrer über den Haufen fuhr, der gerade ahnungslos um die Kurve kam.

 

 

Ich stand da mit offenem Mund, ehrlich erstaunt über diese Aktion. Als mein Gehirn wieder einsetzte, wurde mir klar, dass der Weiher am Wegesrand bereits zu dem angrenzenden Naturschutzgebiet gehörte und dass da Angeln natürlich verboten war. Der Mann war demnach ein Wilderer, was seine hektische Flucht erklärte sowie die Tatsache, dass er mit offenem Kofferraum losgedüst war. So konnte ich nämlich sein Nummernschild nicht lesen. Als mir das klar wurde, bekam ich erst mal weiche Knie. Denn er hätte natürlich auch ganz anders reagieren können.

 

 

Magische Gegenstände

 

Bestimmte Gegenstände werden von uns oftmals mit bestimmten Befugnissen assoziiert, mit einer Art von Macht. In der Regel ist uns gar nicht klar, dass wir so einen „mächtigen“ Gegenstand in der Hand halten und wir wundern uns über die Reaktionen von anderen. Der Mann hatte direkt an einem Weg gesessen, so dass jeder vorbei kommende Fußgänger oder Radfahrer ihn hätte anzeigen können. Das hat ihn anscheinend nicht gestört. Vermutlich hätte ihn auch ein telefonierender Fußgänger nicht weiter beeindruckt (ein Smartphone hat ja heute fast jeder ständig in der Hand). Erst als ich mit meinem offenbar hochoffiziell wirkenden Klemmbrett vorbei kam und auch noch das Handy zückte, wurde er nervös und räumte ungefragt das Feld. Er hatte mir allein aufgrund dieses alltäglichen Gegenstandes eine Macht (und eine Absicht) zugesprochen, die ich gar nicht hatte.

 

 

Das ist ein interessanter Gedanke, finde ich.

 

Vielleicht sollten wir öfter mal darauf achten, wem wir was zutrauen, allein aufgrund von Kleidung oder Klemmbrett. Nicht jeder mit einem grünen Pulli ist ein Jäger und nicht jeder mit einem Klemmbrett eine Autoritätsperson mit offiziellem Auftrag.

 

 

Neulich habe ich dieses magische Phänomen bewusst genutzt: Ich kniete im Wald am Wegrand, wo in einer schlammigen Kuhle ein wunderschönes Trittsiegel von einem Fuchs eingedrückt war. Ich hatte – natürlich – ein Klemmbrett dabei, und war gerade im Begriff, das Trittsiegel abzuzeichnen, als mir von vorne zwei Fußgänger mit ihren Hunden entgegen kamen. Die Hunde waren trotz Leinenzwang nicht angeleint. Ich verdrehte die Augen, denn erstens würden sich die Hunde gleich auf mich stürzen, wie das nahezu immer passiert und zweitens würden sie höchstwahrscheinlich das schöne Siegel zertrampeln. Also stand ich auf, mit dem Klemmbrett gut sichtbar im Arm. Wieder mal mit durchschlagender Wirkung: Innerhalb von 30 Sekunden waren die Hunde an der Leine und ich wurde misstrauisch beäugt, als man in einem großen Bogen an mir vorbei ging. Was soll ich sagen... :-)