Artenkenntnis to go: Der Gewöhnliche Frauenmantel

Der Gewöhnliche Frauenmantel (Alchemilla vulgaris) ist ein unscheinbares Kraut, zu dem man einiges erzählen kann - also eine spannende Pflanze. Das beginnt schon beim Namen.

 

Bei feuchter Witterung erscheinen am Rand der Blätter kleine Tröpfchen, die aussehen wie an einer Perlschnur aufgezogen. Dieses Phänomen gibt es bei vielen anderen Pflanzenarten auch, man nennt es Guttation. Der Sinn dahinter: Normalerweise geben Pflanzen passiv über die Spaltöffnungen der Blätter Wasserdampf ab. Dadurch entsteht ein Unterdruck in der Pflanze, der sogenante Transpirationssog, so dass Wasser mit gelösten Nährstoffen aus dem Boden nachgesaugt wird. Ist die Luftfeuchtigkeit zu hoch, klappt es mit der Abgabe von Wasserdampf nicht mehr so gut. Das gleiche gilt für die Nacht, wenn kaum Transpiration stattfindet. In der Folge wird das Wasser (passiv oder aktiv, je nach Pflanzenart) aus speziellen Öffnungen am Blattrand gedrückt, den sogenannten Hydathoden, um den Transpirationssog aufrecht zu erhalten. Diese in der Morgensonne glitzernden Tröpfchen, die sich in der Mitte des Blattes zu einem großen Tropfen sammeln, waren früher bei den Alchemisten sehr beliebt: Man sprach diesem Wasser magische Kräfte zu. Daher stammt auch der lateinische Name "Alchemilla".

 

Mittlerweile weiß man, dass auch viele andere Pflanzen wie die Erdbeere oder die Erzengelwurz diese "Technik" besitzen, die Guttation ist also kein Alleinstellungsmerkmal des Frauenmantels. Trotzdem ist die Guttation immer mit das erste, wenn vom Frauenmantel gesprochen wird.

 

Unverkennbar am Frauenmantel ist auch sein Aussehen. Seine gefingerten, teilweise auch gelappten und am Rand gezähnten Blätter erinnern an einen Mantel. Da der Frauenmantel in der Volksheilkunde als wichtiges Frauenheilmittel gilt, ist es bis zum Namen "Frauenmantel" nicht mehr weit. Er gilt als hormonell ausgleichend, harmonisiert also ein in Ungleichgewicht geratenes Hormonsystem, etwa in den Wechseljahren. Die Liste an Heilanwendungen für den Frauenmantel in der Frauenheilkunde ist lang, aber - wohlgemerkt - nur volksmedizinisch. Die Schulmedizin spricht dem Frauenmantel lediglich eine Wirkung bei Verdauungsbeschwerden zu, insbesondere bei Durchfallerkrankungen. Grund ist sein hoher Gerbstoffgehalt. Daher eignet sich der Frauenmantel wiederum auch als Gesichtswasser bei unreiner Haut - aber auch das ist wieder nur eine volksmedizinische Anwendung. Das durch Guttation abgegebene Wasser galt übrigens früher als Schönheitsmittel für das Gesicht: Man kann es natürlich auch heute noch früh morgens mit einer Pipette einsammeln oder mit einem sauberen Leinentuch, das anschließend ausgewrungen wird.

 

Traditionell gehört der Frauenmantel zur Venus, was sich ja auch aus seiner Heilwirkung ergibt. Früher war er der Frigga, der Gemahlin Odins geweiht, die ja bekanntermaßen auch in den Hexenkünsten bewandert war. Später wurde daraus der "Muttergottesmantel" und es gibt noch viele weitere Namen für ihn. Das zeigt schon, welche Wertschätzung die Pflanze in der Volksheilkunde besaß. Seine 'alchemistischen Fähigkeiten' brachten dem Frauenmantel auch den Namen "Himmelswasser" oder "Himmelstropfen" ein. Er galt als wichtige Zutat für den "Stein der Weisen".

 

Heute sieht die Lage etwas anders aus: In manchen Gegenden ist der Frauenmantel eher unbeliebt. Er fühlt sich auf feuchten, nährstoffreichen Wiesen wohl und verdrängt mit seinen Ausläufern dort die Futtergräser, was wiederum den einen oder anderen Landwirt zur Weißglut bringt. Besonders in den Mittelgebirgen ist er weit verbreitet und sehr häufig. Dazu findet man ihn an Bachufern, oft in Gesellschaft der Bachnelkenwurz oder an Teichen. Im Norden ist er seltener, zumindest die Stammart ist auf der Roten Liste. Das liegt aber ausnahmsweise mal nicht am Menschen (gut gedüngte Wiesen gibt es hier auch zuhauf), sondern an der letzten Eiszeit. Sie ist einer der Gründe, warum es in Norddeutschland generell weniger Pflanzenarten gibt als in Süddeutschland.

 

Der Frauenmantel gehört zu den Rosengewächsen (Rosaceae) und blüht von Mai bis Oktober mit gelben, unscheinbaren Blüten, die aber oft von Insekten besucht werden. Aufgrund der Formenvielfalt wurde früher meist nur die Sammelart angegeben: Alchemilla vulgaris agg. Dahinter verbirgt sich eine ziemlich komplizierte Systematik. Im Garten sieht man häufig den nicht-heimischen Weichen Frauenmantel (Alchemilla mollis) mit seinen großen, flaumig behaarten Blättern. Alle Frauenmantel-Arten sind schöne, völlig unkomplizierte Bodendecker für den Garten. Sie können sich aber auch flott ausbreiten, wenn sie sich wohlfühlen. Etwas Kontrolle ist daher angebracht, bevor sie den Garten übernehmen :-)

Der Frauenmantel in voller Blüte.

Was der Frauenmantel kann, kann die Erdbeere schon lange :-)

Wichtig! Bitte beachten!

 

Ich bin weder Ärztin noch Heilpraktikerin noch Apothekerin. Die bei einigen Artikeln beschriebenen Wirkungen von Pflanzen haben lediglich informativen Charakter und beruhen auf dem Wissen aus meiner akademischen Ausbildung als Botanikerin sowie auf eigenen Erfahrungen. Alle Angaben wurden nach bestem Wissen und Gewissen gemacht. Ich übernehme keine Gewähr für die Richtigkeit der Angaben. Es wird ebenso keine Haftung für eventuelle Schäden durch die unsachgemäße Verwendung von Pflanzen und deren Zubereitungen übernommen.