Artenkenntnis to go: Das Wald-Bingelkraut

Das Wald-Bingelkraut (Mercurialis perennis) ist auf den ersten Blick recht unscheinbar. Aber dennoch handelt es sich um eine alte Heilpflanze mit Götterbezug. 

 

Wer jetzt aufmerksam durch den Wald geht, kann mit etwas Glück auf das Wald-Bingelkraut treffen. Es bildet ausgedehnte Bestände in Buchenmischwäldern mit frischem bis feuchtem, basenhaltigem Boden. Ich finde es häufig in Schluchtwäldern sowie in basenreichen Waldmeister-Buchenwäldern, und dort Bereichen mit feuchten Böden. Die Pflanze hat ein unteridrisches Rhizom (Geophyt), aus dem im Frühjahr die ungeteilten, stumpf-gesägten Blätter im oberen Abschnitt des vierkantigen Stängels erscheinen. Da die Pflanzen sich über Ausläufer (Stolonen) verbreiten, bilden sie großflächige Teppiche.

 

Die Blüten sind grün und getrenntgeschlechtlich (zweihäusig). Das bedeutet, es gibt männliche und weibliche Pflanzen. Die männlichen Blüten erkennt man an den vielen Staubblättern, die an einem langgezogenen Blütenstand stehen und über die Laubblätter hinausragen. Die weiblichen Blüten haben deutlich kürzere Blütenstände sind oft paarweise angeordnet. Das hat früher zu einigen Verwirrungen geführt: Die Kapselfrüchte (der befruchteten weiblichen Pflanzen) sind kleine Kügelchen, die dicht zusammen stehen. Da sie optisch wie Hoden aussehen, wurde gelegentlich versucht, mithilfe des Bingelkrauts einen männlichen Erben zu bekommen, indem frau eine optisch "männlich" aussehende, weibliche Pflanze zu sich nahm. Unnötig zu erwähnen, dass das nicht geklappt hat. 

 

Die Blüten sind stark reduziert, das heißt, dass die Blütenhülle nur noch klein und unscheinbar ist. Der Grund liegt in der Windblütigkeit der Pflanze. Sie wird hauptsächlich über den Wind bestäubt (Anemophilie), wobei eine aufwändige Blütenhülle nur stören würde. Das Wald-Bingelkraut gehört zur Familie der Wolfsmilchgewächse (Euphorbiaceae). Damit ist es verwandt mit der Sonnenwend-Wolfsmilch (Euphorbia helioscopia) und auch mit dem Weihnachtsstern (Euphorbia pulcherrima). Allerdings hat es nicht den für viele Wolfsmilchgewächse typischen Milchsaft. Es gilt für Menschen als schwach giftig. Essen sollte man es trotzdem nicht. Für Pferde ist die Pflanze frisch und getrocknet stark giftig, da das enthaltene Methylamin die Leber schädigen kann. Getrocknet werden die Blätter bläulich und fangen an, unangenehm zu riechen.

 

Die Blaufärbung der Blätter machte das Kraut interessant für die Alchemisten, die in der farblichen Umwandlung einen Hinweis auf Quecksilber (früher: Mercurium, heute: Hydrargyrum) sahen. Das Kraut wurde vermutlich in Verbindung zum römischen Gott Merkur gesehen, der die Pflanze als erster zu Heilzwecken angewendet haben soll. Merkur wurde gelegentlich auch mit Odin gleichgesetzt, so dass hier auch eine Verbindung des Krauts mit Odin/Wotan herrühren könnte. Da Merkur nicht nur der Gott des Handels, sonder auch der Gott der Diebe ist, trugen manche Diebe im Mittelalter ein Büschel Bingelkraut bei sich, um den finsteren Plänen etwas göttliche Rückendeckung zu verleihen. Astrologisch gehört die Pflanze logischerweise zu Merkur.

 

Das Wald-Bingelkraut ist eine alte Heilpflanze. Sie hat abführende Wirkung und wurde früher aber auch bei Wassersucht, Atemwegsproblemen und schwacher Blutung verwendet. Heutzutage wird sie in der Homöopathie bei Rheuma und naturheilkundlich bei schlecht heilenden Wunde genutzt. 

 

Wer das Wald-Bingelkraut im Garten haben möchte, braucht einen (halb)schattigen Platz mit feuchtem, basischem Booden. Wenn es sich wohlfühlt, wird es sich garantiert stark ausbreiten. Ein prima Bodendecker.

Weiblicher gehts nicht: Früchte befinden sich immer an den weiblichen Pflanzen (sofern es sich um eine getrenntgeschlechtliche (zweihäusige) Pflanzenart handelt).

Und hier der dazugehörige Herr, erkennbar an den langen Blütenständen, die ihre (soweit noch vorhandenen) Staubbeutel in den Wind halten.

Wald-Bingelkraut (rechts und Mitte) in einem Schluchtwald mit basischem, leicht quellfeuchtem Boden. Es bildet gerne flächige Bestände. Links im Bild ein weiterer typischer Platzhirsch im Frühlingswald, das Buschwindröschen (Anemone nemorosa).

Wichtig! Bitte beachten!

 

Ich bin weder Ärztin noch Heilpraktikerin noch Apothekerin. Die in einigen Artikeln beschriebenen Wirkungen von Pflanzen haben lediglich informativen Charakter und beruhen auf dem Wissen aus meiner akademischen Ausbildung als Botanikerin sowie auf eigenen Erfahrungen. Alle Angaben wurden nach bestem Wissen und Gewissen gemacht. Ich übernehme keine Gewähr für die Richtigkeit der Angaben. Es wird ebenso keine Haftung für eventuelle Schäden durch die unsachgemäße Verwendung von Pflanzen und deren Zubereitungen übernommen.

 

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